Aufbruch und TransformationWeitergehende Infos aus dem Newsletter vom April 2026
Wenn Essen unbezahlbar wirdDie nächste Preiswelle kommt – wer schützt die Menschen?

von Christoph Holbein-Munske
Der Iran-Krieg belastet die Energiemärkte. Spritpreise steigen – spürbar und schnell. Die Bundesregierung reagiert mit ersten Maßnahmen. Doch wer die Muster kennt, weiß: Das ist erst der Anfang.
Die zweite Welle kommt
Steigende Energiepreise treiben mit einigen Monaten Verzögerung auch die Preise für Lebensmittel und Industriegüter nach oben. Das hat der Ukraine-Krieg gezeigt – und die Bundeszentrale für politische Bildung hat das für den Iran-Krieg bereits durchgerechnet. Schon warnen Branchenverbände vor einem neuen „Kosten-Tsunami“. Wie stark die Inflation ausfällt, hängt auch von der Dauer des Konflikts ab. Absehbar ist: Im kommenden Jahr wird vieles teurer. Und die, die ihr Einkommen unmittelbar für den Lebensunterhalt brauchen, werden es am stärksten spüren.
Marktmacht ist Teil des Problems
Beim letzten Inflationsschub nach Beginn des Ukraine-Kriegs stiegen die Preise im Supermarkt schneller als die tatsächlichen Kosten der Lebensmittelbranche – gleichzeitig meldeten viele Konzerne Rekordgewinne. Das Jacobin Magazin zeigt: Das ist kein Zufall. Spekulationsdruck, Marktmacht und strategisch genutzte Inflationserwartungen spielen eine Rolle, die weit über schlichte Knappheit hinausgeht. Der Iran-Krieg könnte denselben Mechanismus auslösen.
Deutschland reagiert zögerlich – beim Sprit
Beim Kraftstoff zeigt sich bereits, wie unterschiedlich Europa reagiert. Wie die taz berichtet, haben Ungarn und Kroatien Preisdeckel eingeführt, Österreich senkt Steuern und deckelt Konzerngewinne, Italien strebt eine Entlastung von 25 Cent je Liter an. In Deutschland hingegen bleiben die Maßnahmen überschaubar – obwohl die Monopolkommission nachgewiesen hat, dass Ölkonzerne die Preise hierzulande stärker angehoben haben, als die gestiegenen Einkaufspreise es rechtfertigen. Wenn schon beim Sprit so reagiert wird: Was ist zu erwarten, wenn die Lebensmittelpreise folgen?
Was jetzt nötig ist
Drei Instrumente sind in meinen Augen zielführend: eine Übergewinnsteuer, die verhindert, dass Konzerne die Krise zur Einkommensquelle machen; die Aussetzung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel; und eine Debatte über Umverteilung, die den Namen verdient. Denn die notwendigen Ressourcen sind vorhanden – sie sind nur in den Händen weniger. Jetzt ist der Moment, sie ernsthaft vorzubereiten – damit sie greifen können, wenn es so weit ist.
Ein Sozialstaat, der seinen Namen verdient, schützt Menschen in der Krise – nicht erst, wenn der Schaden angerichtet ist.
Wohnen ist ein Menschenrecht. Oder?1,4 Millionen geförderte Wohnungen fehlen – und die Lücke wächst.

von Christoph Holbein-Munske
Der Soziale Wohn-Monitor 2026 (Pestel-Institut / Deutscher Mieterbund) macht die Schieflage greifbar: Mehr als 23 Millionen Mieter*innenhaushalte in Deutschland – aber nur rund eine Million geförderte Wohnungen. Mehr als die Hälfte aller Mietenden hätte rechtlich Anspruch auf eine davon.
Besonders drückend ist das Netto-Problem: 2024 wurden bundesweit knapp 41.000 geförderte Wohnungen neu geschaffen – gleichzeitig fielen über 61.500 aus der Bindung heraus. In NRW war das Verhältnis noch dramatischer: Sechsmal so viele Wohnungen verloren ihre Bindung, wie neue hinzukamen. Was nützt Neubauförderung, wenn die Bindungsfristen einfach auslaufen? Brauchen wir nicht dauerhaften, fristenlosen geförderten Wohnraum als gesellschaftliche Grundstruktur?
Besonders spürbar ist der Mangel für zwei Gruppen: junge Menschen, die zum ersten Mal eine eigene Wohnung suchen – und ältere Menschen, die in kleinere Verhältnisse wechseln wollen. In Haltern selbst ist bezahlbarer Wohnraum in den letzten Jahren zu einem drängenden lokalen Thema geworden. Deshalb ist das KönzgenHaus hier aktiv: 2023 lud das KönzgenHaus gemeinsam mit der AG Bezahlbares Wohnen zur Tagung „Wohnen – sozial, gerecht und bezahlbar" ein.
Im Februar 2026 stellten wir die Frage, was Kirchen mit ihrem Boden- und Immobilieneigentum konkret beitragen können.
Dahinter steckt eine grundsätzliche Frage aus der christlichen Sozialethik: Wenn Wohnen ein Menschenrecht ist – darf man damit überhaupt Profit machen? Oder gehört Wohnraum, wie Wasser oder Strom, zur Daseinsvorsorge? Dann braucht es politische Antworten, die über den Markt hinausgehen: den direkten Bau geförderter Wohnungen durch öffentliche Träger, eine wirksame Wohnungsgemeinnützigkeit – nicht die zahnlose Light-Version, die verabschiedet wurde –, das kommunale Vorkaufsrecht bei Grundstücken und einen Mietendeckel. Denn wo ein Grundrecht auf dem Spiel steht, hat der Preis nicht das letzte Wort.
Wir bleiben am Thema dran: Am 21. November 2026 planen wir eine Zukunftswerkstatt Wohnen. Nähere Informationen folgen.
Lasten fair teilenRisiken solidarisch absichern

von Annette Seier
Der Sozialstaat wird derzeit vor allem unter einem Gesichtspunkt diskutiert: Wie lässt sich mehr Erwerbsarbeit mobilisieren?
Mehr Anreize, mehr Druck, mehr „Flexibilität“. Doch die eigentliche Frage gerät dabei in den Hintergrund: Wer trägt die Lasten – und wer wird geschützt?
Krisen dürfen nicht einseitig zulasten von Beschäftigten und sozial Benachteiligten gelöst werden. Ein Sozialstaat, der diesen Namen verdient, organisiert nicht nur Arbeit – sondern Gerechtigkeit.
Gerade in der gesetzlichen Krankenversicherung zeigt sich, wie verkürzt die aktuelle Debatte oft ist. Wer über Einschnitte bei Leistungen oder über die Einschränkung der Mitversicherung von Ehepartner*innen spricht, greift zu kurz. Zunächst müssen die strukturellen Fragen beantwortet werden: eine höhere Beitragsbemessungsgrenze, die konsequente Einbeziehung aller Erwerbseinkommen, eine kritische Überprüfung der Ausgaben – von der Kassenstruktur bis zu den Gewinnen der Pharmaindustrie – und ein kostendeckender Bundeszuschuss für gesamtgesellschaftliche Aufgaben wie die Absicherung von Bürgergeldbeziehenden.
Die Einschränkung der beitragsfreien Mitversicherung wäre dagegen ein Schritt in die falsche Richtung. Sie würde vor allem Menschen treffen, die Sorgearbeit leisten und deshalb weniger verdienen. Hier droht ein sozialpolitischer Rückschritt. Ein Sozialstaat darf solche Lebensrealitäten nicht ignorieren. Auch bei den Minijobs braucht es einen klaren Schnitt. Ein System, das Millionen Menschen dauerhaft von sozialer Absicherung ausschließt, ist nicht tragfähig. Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro – mit begrenzten Ausnahmen – wäre ein wichtiger Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit und zu einer stabileren Finanzierungsbasis der Sozialversicherung. Mit Richtungsentscheidungen im Steuersystem kann und soll der Staat steuern. Für die geplante Abschaffung der Steuerklassen III und V gilt: Sie ist überfällig, weil sie Abhängigkeiten verfestigt, die falschen Anreize setzt und Gleichberechtigung behindert.
Richtig ist auch, das Ehegattensplitting auf den Prüfstand zu stellen: Es wurde Ende der 50er Jahre in Zeiten der Einverdiener-Ehe eingeführt und seine steuerliche Entlastungswirkung wird umso größer je weiter die Einkommen der beiden Ehepartner*innen auseinanderliegen. Das wirkt – auch angesichts veränderter Rollenmodelle – ein wenig aus der Zeit gefallen. Eine Reform ist notwendig. Aber sie darf kleine und mittlere Einkommen nicht schlechterstellen. Außerdem muss eine Neuregelung berücksichtigen, dass die Ehe als Gemeinschaft des Erwerbs und Verbrauchs zu bewerten ist. Das nun diskutierte fiktive Realsplitting darf keine neuen Ungleichgewichte zulasten der*s geringer Verdienenden (der beiden Ehe- oder Lebenspartner*innen) schaffen.
Am Ende geht es um eine Richtungsentscheidung. Ein Sozialstaat, der vor allem auf mehr Druck zur Erwerbsarbeit setzt, verliert seinen Kern. Ein Sozialstaat, der gerecht bleibt, verteilt Lasten fair, sichert Lebensrisiken solidarisch ab und stärkt die Eigenständigkeit, ohne Menschen allein zu lassen. Daran wird sich entscheiden, wie sozial unser Sozialstaat der Zukunft ist.
Hier fängt Zukunft an!

von Birgit Laubrock
Drei Wochen nach Ostern blicken wir auf eine bewegende Kar- und Osterwoche zurück. Gemeinsam haben wir uns mit Bildung und Bildungsgerechtigkeit auseinandergesetzt – in Deutschland und weltweit. Besonders eindrücklich war der Blick nach Kamerun: ein konkretes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Bildungschancen und Fördermöglichkeiten rund um den Globus verteilt sind.
Als bleibendes Zeichen dieses Engagements haben Jugendliche unsere diesjährige Osterkerze gestaltet – kreativ, durchdacht und mit viel Einsatz.
Auf der Kerze sind zwei klassische Symbole der Gerechtigkeit zu sehen: die Waage und das Schwert. Das Schwert steht für die moralische wie auch die weltliche Macht – und macht deutlich, dass Bildungsgerechtigkeit nicht nur ein schöner Gedanke bleiben darf, sondern tatsächlich umgesetzt werden muss. Die Waage wiederum erinnert daran, dass es eine sorgfältige und faire Abwägung braucht, damit Gerechtigkeit nicht zur leeren Formel wird.
Wer die Kerze genauer betrachtet, entdeckt eine verstörende Szene: In den beiden Waagschalen stehen Menschen – doch die Schalen sind ungleich gefüllt. Auf einer Seite drängen sich viele, auf der anderen stehen nur wenige. Und trotzdem: Die wenigen wiegen schwerer.
Warum?
Die Antwort der Jugendlichen trifft ins Mark: „Weil bei uns – und erst recht weltweit – nur wenige Menschen das Geld, die Ressourcen und die Möglichkeiten haben, eine gute Bildung zu bekommen. Die anderen fallen aus dem System heraus. Sie haben schlechte oder gar keine Chancen." Wer noch genauer hinschaut, erkennt die kleinen Figuren, die aus großer Höhe aus der überfüllten Schale herausfallen.
Ein Auftrag, kein Abschluss
Das Schwert der Gerechtigkeit nimmt auf der Kerze bewusst viel Raum ein. Die Ideen für bessere Bildung – bei uns und weltweit – sind vorhanden. Was fehlt, ist ihre konsequente Umsetzung. Erst dann kann die Waage ins Gleichgewicht kommen. Für alle Menschen.
Bildung für alle – damit Zukunft gelingen kann. Das fängt heute an. Hier.
Fotos: KönzgenHaus, Maik Meid, teilweise künstlich generiert

