Wie Kirchen mit ihrem Boden- und Immobilieneigentum umgehen, ist keine interne kirchliche Verwaltungsfrage. Es ist eine der drängendsten sozialethischen Fragen unserer Zeit – und genau deshalb hat das KönzgenHaus sie ins Zentrum einer Fachtagung gestellt.
Am 19. und 20. Februar 2026 kamen Expert:innen und Interessierte aus Wissenschaft, Kirche, Stadtplanung und zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammen, um in fünf Panels konkrete Antworten zu suchen. Die Tagung „Guter Grund zum Handeln? Kirchliches Boden- und Immobilieneigentum in gesellschaftlicher Verantwortung“ – gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung – wurde konzipiert und verantwortet von Julian Degan (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nell-Breuning-Institut, Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen), Dr. Clemens Wustmans (Lehrstuhlvertretung für Systematische Theologie, Universität Duisburg-Essen) und Christoph Holbein-Munske (Pädagogischer Mitarbeiter, KönzgenHaus). Die Tagung machte deutlich: Die Frage, was Kirchen mit ihren Liegenschaften tun, berührt Wohnraum, Gemeinschaft, Menschenrechte und das Selbstverständnis von Kirche gleichermaßen.
Wohnen als Menschenrecht – und die Verantwortung der Kirchen
Den Auftakt machte Prof. Dr. Martin Schneider (KU Eichstätt-Ingolstadt), der Wohnen grundlegend als Aneignungspraxis und Menschenrecht entfaltete. Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf – es ist Voraussetzung für ein gutes Leben, für Freiheit und Würde. Gleichzeitig stehen Kirchen vor einer wirtschaftlichen Realität: sinkende Kirchensteuereinnahmen und Mitgliederschwund zwingen zu neuen Immobilienstrategien. Die Frage, die Schneider aufwarf: Wie lässt sich dieser Druck mit sozialethischer Verantwortung vereinbaren?
Birgit Kasper vom Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen zeigte, dass es Wege gibt. Kirchliche Liegenschaften können Ausgangspunkt für gemeinschaftliche, gemeinwohlorientierte Wohnprojekte werden – wenn Kirchen auf Renditeoptimierung verzichten und stattdessen auf Konzeptverfahren setzen, die zivilgesellschaftliche Akteure mobilisieren. Ihr Plädoyer: Investieren in die Gemeinde statt in den Ertrag.
Schutzraum Kirche – prophetische Praxis
Das Panel zum Kirchenasyl brachte eine andere Dimension kirchlicher Raumverantwortung in den Blick. Benedikt Kern vom Ökumenischen Netzwerk Asyl in der Kirche in NRW legte dar, wie Kirchenasyl als ziviler Ungehorsam und solidarische Praxis des Menschenrechtsschutzes zu verstehen ist. Bundesweit gibt es derzeit über 430 aktive Kirchenasyle – in NRW allein rund 150.
Pfarrer Michael Ostholthoff von St. Sixtus in Haltern am See ergänzte die lokale Perspektive – und diese ist bemerkenswert konkret: Die Gemeinde hat bislang über 100 Menschen im Kirchenasyl aufgenommen, alle Fälle wurden erfolgreich abgeschlossen. Was dabei deutlich wird: Kirchenasyl ist nicht nur humanitäre Schutzpraxis, sondern bringt gerade in Zeiten kirchlicher Umbruchprozesse Menschen zusammen und stärkt das Gemeindeleben. Kern machte entsprechend deutlich: Wie Gemeinden mit ihren Räumen umgehen, ist auch eine Frage, ob sie in gesellschaftliche Konflikte eingreifen oder sich zurückziehen.
Spannungsfeld Abendpodium: Gemeinwohl oder Wirtschaftlichkeit?
Das Abendpodium brachte die widerstreitenden Ansprüche auf den Punkt. Ostholthoff überraschte mit einem konkreten Vorschlag: Kirchliche Grundstücke weder einfach behalten noch veräußern, sondern in eine Genossenschaft einbringen – in der die Kirchengemeinde Genossin bleibt, andere Akteure Engagement und Kapital einbringen und so neue Räume der Begegnung entstehen. Eine Idee, die zeigte: Kreative Lösungen sind möglich.
Dem gegenüber stand Prof. Dr. Thomas de Nocker, der die wirtschaftliche Notwendigkeit einer ertragreichen Immobiliennutzung betonte – schließlich müssen Kirchen auch ihre vielfältigen sozialen und pastoralen Aufgaben finanzieren. Lukas Johrendt (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) hielt dagegen: Steigende Bodenpreise sind ein zentraler Treiber der Wohnungsnot – und Kirchen, die ihre Liegenschaften renditeorientiert bewirtschaften, tragen dazu bei. Anette Brachthäuser, Leiterin der Bauabteilung im Bistum Münster, gab Einblick in die internen Abwägungsprozesse: Das Ringen zwischen sozialethischem Anspruch und finanziellem Druck findet nicht nur zwischen Kirche und Gesellschaft statt, sondern auch innerhalb der Bistümer selbst.
Land und Stadt: Räume neu denken
Der zweite Tag weitete den Blick. Prof. Dr. Karin Berkemann (Hochschule Anhalt) machte Mut: Denkmalpflege und Transformation schließen sich nicht aus – im Gegenteil, ein Umdenken in der Denkmalpflege eröffnet neue Förderwege und macht den Bestand zum Potenzial. Ulrike Rose (Zukunft Kulturraum Kloster e.V.) zeigte an konkreten Beispielen – etwa dem Kloster Schlehdorf – wie ehemalige Ordengebäude zu lebendigen Orten gemeinschaftlichen Wohnens und Wirtschaftens werden können.
Für den städtischen Kontext präsentierte Dr. Petra Potz (location³ Berlin) inspirierende Beispiele, von der Citykirche Heidelberg bis zum Quartierszentrum in Dülmen: Kirche muss dorthin gehen, wo Menschen leben – nicht warten, dass sie kommen. Architekt Sven Grüne (postwelters + partner, Dortmund) zeigte an Ruhrgebietsprojekten, wie kirchliche Immobilien Wohnen, Pflege und Quartiersleben unter einem Dach vereinen können – und wie dabei die Zusammenarbeit mit Kommunen entscheidend ist.
Offen – und weiter drängend
Die Tagung hat keine abschließenden Antworten geliefert. Sie hat aber gezeigt: Es gibt mehr kreative Spielräume als oft angenommen, es gibt inspirierende Beispiele – und es gibt eine wachsende Dringlichkeit. In den nächsten Jahren werden kirchliche Liegenschaften in Deutschland zu einem zunehmend gewichtigen Thema. Auch in Haltern am See.
Das KönzgenHaus wird diese Debatte weiterverfolgen.
Ansprechpartner: Christoph Holbein-Munske, Pädagogischer Mitarbeiter im KönzgenHaus
